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Analyse: Sylt vs. Heiligendamm
- Verkaufen die Leute ihre Häuser auf Sylt, um nach Heiligendamm zu kommen?
In einem Artikel über
Heiligendamm und den Investor Anno August Jagdfeld erklärt dieser, dass
Heiligendamm ein Ort der Ruhe werden solle und damit klare Vorzüge gegenüber Sylt haben
würde. Er ist hoffnungsfroh, dass die Hamburger und Berliner ihre Häuser auf
Sylt verkaufen und würde sie nun gern in Heiligendamm sehen.
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Sein Plan? Ein Luxusresort: Das "Grand Hotel
Heiligendamm", von Kempinski betrieben. Fünf Sterne, 160 Suiten, Grande
cuisine, komplettes Freizeitangebot. Deutschland braucht so etwas, Jagdfeld ist sich da ganz
sicher. Kürzlich hat er zu Abend gegessen bei Herrn Bareiss, einem
Hotelier, dessen Ferienhotel in Baiersbronn stets zu traumhaften 92 Prozent ausgelastet
ist. Der Mann hat Jagdfeld Mut gemacht: "Machen Sie das mal! Der Norden
wartet auf so etwas." Außerdem stimmt den Investor hoffnungsfroh, daß immer
mehr Berliner und Hamburger ihre Reetdachhäuser auf Sylt verkaufen. Zu
überlaufen. Heiligendamm hier hingegen soll für Ruhe und Muße stehen
und "ein Kontrapunkt zu den übervollen Urlaubswelten werden".
Ein bißchen voller aber darf es doch werden. In einer
zweiten Stufe soll das Villenquartier entstehen, eingebettet zwischen
dem Golfplatz, dem Gut Vorder Bollhagen und dem Sportzentrum: noch einmal 150 Wohneinheiten in
Form von Stadthäusern und Ferienapartments. Aber erst einmal muß das
"Grand Hotel" funktionieren.
(Quelle: Die Zeit 36/1998)
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Schauen wir uns
doch einmal die Häuser auf Sylt an.
Der Nobel-Ort Nummer eins ist
Kampen. Das "St. Tropez Deutschlands" besteht aus reetgedeckten kleinen Villen, mitunter auch
zwei aneinandergebaut, Gastronomie, Boutiquen, Juweliere, gehobene
Dienstleistungen, In-Treffs usw.. Dazu auch die Häuser der 600 Einwohner, die sich den Ort mit
1.200 Zweitwohnsitz-Bewohnern teilen und die Schule, der Leuchtturm und das
alles umgeben von Dünen, Sand und Meer. Das Rote Riff und die Uwe-Düne sind neben dem
Leuchtfeuer die beliebtesten Ausflugsziele und die Buhne 16 war in den 80ern
bekannt für rauschende Partys, endlose Nächte und Unmengen Alkohol. Jeder weiß, wo die "Whyskistraße"
ist aber dass sie eigentlich "Strönwai" heißt, weiß eigentlich niemand.
Maler und Verleger waren die ersten, die es nach Sylt zog. Ferdinand Avenarius,
Ernst Rowohlt, Siegfried Jacobsohn und Peter Suhrkamp z.B.. Oder auch Max
Frisch, der das Nacktbaden anpries. Die FKK-Welle rollte los und die Insel der Schönen
und Reichen wurde eine Insel der Hemmungslosigkeit.
Hemmungslos ausziehen,
hemmungslos nackt baden (egal, wie man aussah) und ebenso hemmungslos
feiern.
Sylt war, was später Mallorca wurde und die Buhne 16 war der Vorläufer des
Ballermann.
Promis ließen sich nieder und
wollten hier die Ruhe genießen.
Aber es
waren nicht nur solche Prominente, die malten oder dichteten, sondern auch
Prominente aus Show und Fernsehen.
Leute, die davon lebten, dass die Welt sie sehen
konnte und die es genossen, auf Sylt gesehen zu werden.
Mit der Inselbahn
ging es nach Kampen und an der Buhne 16 wurde gefeiert. Später dann auch in
kleineren Clubs oder Treffs. Einen Golfplatz hat Kampen auch, Pferde kann
man sich ausleihen oder man nimmt seine mit und die Einrichtungen für Tennis, Sport und
Wellness teilt man sich mit Einheimischen und Gästen. Einen Pool hat ohnehin
fast jede Villa und im Sommer war ohnehin FKK in der Nordsee angesagt.
Ende der 80er war das vorbei.
Die Neue Deutsche Welle rollte über das Land und mit ihnen kamen neue Stars,
neue Promis und neue Interessen.
Plötzlich war das Mittelmeer der Renner.
Die Reichen
gingen nach Ibiza und der Rest nach Mallorca.
Es wurde ruhiger auf Sylt.
Heute gibt es die Inselbahn nicht mehr,
Parkplatzwächter Herbert sorgt nicht mehr
für Ordnung und Butler John hat sich in den Ruhestand verabschiedet. Noch
immer stehen im Juli ein Dutzend Mercedes, ein halbes Dutzend Porsche und einige
Ferraris auf dem Parkplatz der Buhne 16.
Noch immer werden Partys gefeiert.
Aber längst nicht mehr so rauschend und längst nicht mehr so prominent.
Junge Möchtegern-Promis und immer dabei sein wollende Miet-Porsche-Fahrer werfen
ihre lange gesparten Euros raus und die echten Prominenten - die Kampener von damals -
verkriechen sich in ihre Villen. Die Zeiten ändern sich.
Vorbei sind die Sixties mit Sex, Drogen und Alkohol, die goldene Zeit von Partykanonen wie Karl
Dall.
Die Sixties sind vorbei und die Promis von damals sind heute in Rente
und sind ruhiger geworden.
Aus der Insel der Schönen und Reichen wurde eine Insel der
Alten und Reichen.
Inzwischen kann man auch in Kampen im Winter für 65 EUR
pro Person übernachten.
Das ist nicht so teuer, dass es sich nur Promis leisten könnten.
Und so wird Sylt seit einigen Jahren jährlich von 600.000 Touristen
überschwemmt.
"Tourist" ist auf Sylt ein Schimpfwort für die Bummler am Strand und auf den
Promenaden - die "Über-die-Hecken-Gucker" auf der Suche nach prominenten
Gesichtern. Die Tuschelnden mit den verstohlenen Blicken rüber zu dieser
Villa und zu diesem Geschäft - die dran vorbei gehen, weil sie es sich eh
nicht leisten können. Die Hecken wachsen nun höher als damals und wer sich
immer noch genervt fühlt, verkauft sein Haus. Sylt gibt sich dem Tagesgast
her. Weil er immer noch besser ist, als gar keine Gäste.
Und die Insel profitiert dennoch davon, denn der Handel und die Gastronomie
haben sich längst auf die normal gefüllten Geldbörsen eingestellt und setzen
nun auf Quantität und volksnahe Angebote.
Und in
Heiligendamm?
Eine Schickeria wie auf Sylt gibt es in
Mecklenburg-Vorpommern so nicht.
Warnemünde kommt dem zwar nahe aber auch
nicht so nahe.
Heiligendamm selbst war immer ein Ort, der vom Kurwesen und vom
Massentourismus gleichermaßen lebte.
Alles war in dem Maße, wie es nützlich war vorhanden. Alles war dem Zweck
geschuldet.
Nicht mehr als drei Imbisse, drei
Cafés und zwei Gaststätten, selten mehr als drei Geschäfte und immer so drei
Strandabschnitte. Die Leute kamen zum Baden, zum Gucken und zum Spazieren.
Sie kamen der Ruhe wegen, die sie hier gegenüber dem überlaufenen Strand in
Rostock hatten. Sie kamen, weil hier noch Platz zum Laufen und zum Baden
war.
Viele Touristen für den kleinen Ort
aber nie so viele, dass man über einen Ausbau des Ortes nachdenken musste
oder gar über den Bau von Hotels. Und immer so viele, dass
die Gastronomen und Gewerbetreibenden vor Ort genug Einnahmen hatten, ohne
im Menschenmeer zu versinken.
Heiligendamm war in
den letzten 6 Jahrzehnten kein Ort der Reichen und Schönen.
Diese
Reichen und weniger Schönen zogen eingezäunte Wohnviertel mitten in grünen Wäldern
vor oder sie hatten ein eigenes Haus an der Ostsee oder besuchten das Grand
Hotel in Graal Müritz. Wenn es einen Ort der Prominenz gab, dann war das Graal
Müritz. Dort konnte man Honecker im knieflachen Ostseewasser planschen sehen
oder man traf ihn in der Nossentiner Heide bei der Pirsch.
Was sonst noch so an
Prominenz an die Ostsee kam, ließ sich in Warnemünde nieder.
Das Hotel Neptun war
stets der Anlaufpunkt Nummer eins für Prominente.
Das Hotel ist zeitgemäß
eingerichtet, zuweilen vielleicht auch etwas altbacken aber stets in einer
Form von Luxus, die bei Jung und Alt gut ankommt. Dezent klassisch und
dennoch zeitgemäß modern.
Man sieht, dass es schon
40 Jahre alt ist aber gerade das fühlt sich nicht schlecht an. Gediegen -
möchte man sagen.
Und obwohl es ein Hotel
für die Werktätigen war, waren die Preise doch für die arbeitende
Bevölkerung zu hoch.
Darum kamen Funktionäre
und Promis.
Das Grand Hotel
hingegen ist neu.
Die Häuser sind neu und selbst die 200 Jahre alten Wände strahlen in einem
Weiß das verrät,
dass die Gebäude nicht
einmal ein Jahrzehnt alt sind.
Kein Fenster, keine Wand,
kein Geländer und nicht einmal das Dach ist alt.
Es ist ein schickes neues Hotel mit nagelneuen Retro-Möbeln.
Auf keinem dieser Stühle
hat je ein Herzog gesessen und in keinem dieser Zimmer hat je eine
Prinzessin geschlafen.
Über keine Treppe ist je ein König gelaufen und keine Wand wurde je
von einem Hofbaumeister sanft und mit einem zufriedenen Blick berührt.
Keines der Gebäude kann eine Geschichte erzählen, denn mit dem Inneren wurde den
Gebäuden auch die Seele ausgeblasen.
Keine energetische Matrix liegt mehr
auf den Wänden und nichts würde deren Besitzer heute ein Déjà vu bereiten.
Nichts von dem was wir heute sehen,
hat jemand so als Erinnerung mit nach Hause oder mit ins Grab genommen.
Das Ensemble hat nur noch die
Geschichte, die wir erzählen. Es selbst erzählt keine Geschichte mehr.
Jeder Betonklotz an der
schleswig-holsteinischen Ostseeküste ist gesprächiger, als die schweigenden
weißen Riesen in Heiligendamm. Geschichten erzählen heute nur noch die
traurigen Häuser der Perlenkette, die ihre Geschwister verlieren.
Und wenn hier
hundert Herzöge waren. Das war vor über 60 Jahren.
Da gibt es keine
Filme über flanierende Adelige oder rauschende Bälle.
Da gibt es nur Karten mit Bildern
von alten Häusern und unerkennbaren Personen in prächtigen Kleidern.
Da gibt es den Mythos eines
Adelsbades.
Aber es gibt niemanden mehr der uns
berichten kann von seinem Gespräch im Kurhaus mit dem Herzog oder dem
flüchtigen Lächeln der Prinzessin auf der Promenade oder dem Duft, den die Herzogin
trug oder das Buch, dass der Fürst gerade las. Niemand kann mehr berichten
wie es war, wenn der Hochadel unter sich war.
Außer vielleicht Carola Herbst mit ihrer
Godewind-Saga, von der man glauben würde, dass sie damals schon gelebt
hätte.
Aber Geschichte beruht
nun einmal auf Fakten.
Heute kommen Gäste,
die sich eine Übernachtung leisten können.
Junge Unternehmer, die
dort tagen und dann gleich weiter wollen. Klassikbegeisterte Leute, die das Hotel erleben
wollen. Besserverdiener, die sich einmal etwas leisten wollen und vielleicht
auch mal ein paar mehr oder weniger prominente, die wenigstens mal da gewesen sein wollen.
Nichts Besonderes also. Vielleicht wird es mal dieser oder mal jener Prinz,
der seinen Titel nur kraft seiner Herkunft trägt und politisch nichts zu sagen hat. Vielleicht
auch mal diese oder jene Person aus Kunst und Kultur, die auch schon früher
gekommen wäre, wenn es hier denn ein Hotel gegeben hätte. Vielleicht auch das eine
oder andere gekrönte Haupt, weil es eingeladen wurde oder weil ihm
Heiligendamm empfohlen wurde und es einfach höflich sein wollte.
Aber der Renner, der
Schöne und Reiche anzieht, die in Massen Schampus vergießen, die Hüllen
fallen lassen und feiern wollen?
Das tun sie heute nicht einmal mehr am Mittelmeer. Die
Zeiten der Sylt-Promis sind vorbei. Von denen kommt keiner mehr nach
Heiligendamm.
Und wenn, dann nur, um weg von einem Eiland mit einer Überschwemmung
an gaffenden Touristen zu kommen.
Aber gerade die
verursachte ja ein Niederlassen der Prominenz in Kampen. Kommen
Promis, kommen Neugierige.
Das hat Sylt gezeigt und das hat auch
Mallorca gezeigt. In Kampen gingen
letztlich die Prominenten und auf Mallorca griffen die Behörden ein. Beides
will eigentlich niemand haben. Luxus und Schickeria passen zu Heiligendamm genauso
wenig, wie rauschende Partys und neugierige Touristen.
Das scheint Jagdfeld
auch insgeheim zu wissen und darum setzt er auf ein Resort, in das niemand anderes
hinein kann.
Aber auch das passt nicht zu Heiligendamm, denn einen Mythos
wieder auferstehen zu lassen kann ja nicht bedeuten, dass man die gesellschaftlichen
Zustände von vor 200 Jahren wieder herstellt. Wenn man die Zeit zurück
drehen will, dann könnte man auch genauso gut wieder ein Kurbad für Werktätige daraus machen.
Auf Sylt wissen Verleger, dass sie von ihren Lesern leben und Entertainer
wissen, dass sie von ihrem Publikum leben und auch Unternehmer wissen, dass sie von
ihren Käufern leben. Darum war Öffentlichkeit auf Sylt auch nie ein Problem.
Das war ja gerade der Reiz, beim Brötchenholen einen Fan zu treffen und ihn nur durch die
Anwesenheit glücklich zu machen.
Bis irgendwann zu viele Leute gucken
wollten. Diese Gäste kommen nicht nach Heiligendamm wenn sie befürchten müssen, bald
genauso wie auf Sylt von Touristen umzingelt zu werden. Sie kommen
vielleicht als Gast aber das mit dem Zweitwohnsitz werden sie sich überlegen. Andererseits
steht Sylt für Freiheit, für Grenzenlosigkeit und für Trends.
Ein
eingezäuntes Heiligendamm steht im krassen Gegensatz zu dem mitten in den Dünen liegenden
Kampen, wo nicht einmal Zäune, sondern Hecken und bepflanzte Steinwälle die
Grundstücke umschließen.
Heiligendamms Grenzenlosigkeit aber würde nach den
Plänen Jagdfelds in allen Himmelsrichtungen an Zäunen enden.
Die Sylter
Prominenz aber möchte nicht in einem Gehege wohnen und umsorgt werden, wie ein seltenes
Tier.
Sie möchte frei sein und Mensch sein und sie möchte die Natur erleben
können.
Ohne eine Chipkarte in der Tasche, um Tore zu öffnen.
Und sie möchte
Trends setzen. In einem Land, in dem die Welt erst 100 Jahre später
untergeht?
Aber es sind nicht nur gut verdienende Leute aus der Wirtschaft,
den Medien und der Politik,
die Heiligendamm ansprechen soll.
Diese Leute sind nicht so kleinlich, dass
sie sich von den paar Tagestouristen gestört fühlen.
Schließlich sind sie eine halbe
Million Touristen pro Jahr gewöhnt und dagegen sind die paar
Heiligendamm-Touristen ja bestenfalls ein Beweis, dass Heiligendamm noch
lebt. Als es dieser Art von
Prominenz zu viel wurde, taten sie etwas vernünftiges:
Sie verkauften ihre Häuser und gingen woanders hin. So wie der Bauer seinen
Acker auch mal brach liegen lassen soll, so gaben die Promis von Sylt ihrer
Insel die Chance, sich zu regenerieren. In Heiligendamm aber geht es um eine
optimale Ausnutzung jedes Quadratmeter Raumes für das Hotel. Es geht um
Konferenzräume, Betten, Konferenzräume, Betten, Konferenzräume, Betten. Wo
immer Platz ist. Und in
dieser Stadt der weißen Betten soll der Gast nun eingezäunt und bewacht
seine Ruhe finden.
Was soll der
Hamburger oder der Berliner, der auf Sylt sein Haus verkauft, in
Heiligendamm?
Das ist ein 5-Sterne-Resort und das findet er auch
vor der Haustür.
Und einen Zweitwohnsitz á
la Carte, dessen Haus und Garten nicht seinen Ideen entsprungen ist und dazu
noch in einer homogenen Siedlung steht, ist unattraktiv.
Gerade das macht es ja in
Kampen aus: "Oohhr, schau dir mal das Haus vom Springer an - ist das
nicht ne Pracht!".
Undenkbar in einem
abgeriegelten Resort.
Prominente untereinander
vermeiden es, sich gegenseitig zu bestaunen und sonst ist ja keiner da, der
es tun kann.
Es ist kein Anreiz da,
etwas schön zu machen.
Als ich vor Axel
Springers Haus stand, erzählte mir meine damalige Freundin - eine Westerländerin - dass drinnen goldene Wasserhähne sein sein sollen.Genau das erzählte man
sich auch in Heiligendamm, als Wladimir Putin die "Perle" kaufen wollte. Wie
gesagt: Kommen Promis, kommen Neugierige.
Heiligendamm vs. Sylt
- das sind Apfel vs. Birne.
Noch mehr Äpfel und Birnen -
vergleichen wir Unvergleichliches?
Bleiben wir aber bei den
Vergleichen.
Nicht nur Jagdfeld vergleicht
Heiligendamm gern mit anderen Orten, sondern auch die Gäste tun das immer
wieder. Die Sache hat nur einen Haken: Heiligendamm ist einmalig. Und
einmaliges kann man nicht vergleichen.
Ich zeige es Ihnen an Hand von
Kühlungsborn, Rerik, Warnemünde, Graal Müritz, Nienhagen, Wittenbeck und
Börgerende.
Fangen wir an mit
Kühlungsborn.
Da haben wir in der Geschichte zunächst drei kleine
Dörfer, die von allem leben, wovon man an der Ostsee so lebt.
Nur nicht vom Tourismus.
Fulgen war von den dreien der erste Ort, der eine Pension eröffnete.
Es
folgten weitere Pensionen aber die Stadt im Bäderstil entstand erst weit
nach Heiligendamm.
In Fulgen, Brunshaupten und Ahrendsee lebten Leute, die
es verstanden, vom Tourismus zu profitieren.
Zu jeder Wohnung gehörten auch
Fremdenzimmer und bald entstanden Hotels und Apartmenthäuser.
Die Leute der
drei Orte profitierten vom Massentourismus und die günstigen Preise ließen
die Zahlen nach oben schnellen.
9.000 Übernachtungen zählte
Ahrendsee anno 1910 und Brunshaupten sogar 14.000.
In Heiligendamm übernachteten nur
2.418 Gäste.
Der Grund ist ganz
simpel:
Heiligendamm bestand aus einem Luxushotel und ein paar Pensionen
(Hotel garni).
Die Preise waren hoch, die Bettenzahl begrenzt und der Ort
war exquisit.
Hier machte der europäische Hochadel Urlaub, hier verbrachten
Größen aus Politik und Wirtschaft ihre Sommerfrische an der Ostsee.
Heiligendamm war nicht für den kleinen Mann gemacht, sondern exklusiv für
Leute, die es sich leisten konnten. Heiligendamm wuchs zwar auch aber immer
im Kontext des Luxus-Tourismus, nie mit dem Ziel des Massentourismus.
Alles
was zu bürgerlich war, entstand nur am Rande des Ensembles - Kriegs Hotel in
der Gartenstraße, die Pensionen Mellendorf und Fürstenhof im Bollhäger Weg
(Kühlungsborner Straße). Zunächst war Heiligendamm nur eine Ferienresidenz
der Herzoglichen Familie, später konnten dann auch enge Freunde und
weitläufige Familienmitglieder dort übernachten. Es kamen Gäste von nah und
fern aber die kamen nach Bad Doberan und waren nur zum Baden in
Heiligendamm. Erst als die Herzöge nacheinander die drei wichtigsten Häuser
des Ensembles in der jetzigen Form errichten ließen und eine Burg bauten und
als sie sich in ihre Cottages zurück zogen und das Ensemble für die Gäste
öffneten, stiegen die Besucherzahlen spürbar an.
Erst jetzt war ja auch
Platz für die Leute vorhanden. Heiligendamm war gut ausgebucht.
Das Bild änderte sich ab 1936.
Heiligendamm ist KdF-Bad und die
Zahl der Übernachtungen steigt auf 12.780 Gäste und 1937 sogar auf 15.000
Gäste.
Aber erstens hinkt es
damit noch immer hinter Kühlungsborn hinterher, deren Einzelorte diese Zahl
ja schon 20 Jahre zuvor locker erreichte und zweitens haben diese 15.000
Gäste nicht etwa mehr Platz zur Verfügung gehabt, sondern hielten sich nur
kürzer in Heiligendamm auf.
Wo 3.000 Gäste vier Wochen lang Urlaub machen, kriegt man natürlich auch
12.000 Gäste mit je einer Woche Urlaub unter.
Es wurde nicht erwogen, das Bad zu vergrößern. Entsprechende Pläne von 1872
wurden nie umgesetzt.
1938 wurde das Ensemble
zum Reserve-Lazarett und der Badebetrieb und damit auch Gästebetrieb waren
zu Ende.
1945 wurde das Ensemble zur Kurklinik und blieb dies bis 1996.
Heiligendamm sollte zwar
zwischenzeitlich wachsen aber alles was gebaut werden sollte, war für den
Kurbetrieb vorgesehen.
Es entstanden zwei Wohnblöcke und
einige Einfamilienhäuser aber diese wurden mehrheitlich von Leuten bewohnt,
die in Heiligendamm arbeiteten. Wo immer es ging, wurden Fremdenzimmer
eingerichtet, die von der Kurklinik bezahlt wurden.
Seit 1997 haben wir
nun die Situation eines Hotel-Resorts.
Es gibt an der ganzen Ostseeküste
keine Anlage vergleichbarer Art.
Wenn man Kühlungsborn mit
dem Heiligendamm von heute vergleichen will, vergleicht man eine Stadt mit
einem Hotel. Heiligendamm ist in seiner Vollendung eine in sich geschlossene
Hotelanlage mit allen erdenklichen Angeboten an Erholung, Fitness,
Gastronomie, Handel und Dienstleistungen. Der Unterschied zu einem richtigen
Resort liegt allein darin, dass all diese Angebote in Heiligendamm für die
Öffentlichkeit zugänglich sein sollen. Das schafft aber keine
Gemeinsamkeiten mit Kühlungsborn, wo eine Menge Menschen dauerhaft leben und
arbeiten.
Die jetzige Situation in Heiligendamm ist mit keiner anderen Stadt
vergleichbar und die Zukunft Heiligendamms ist - wenn sie so umgesetzt wird
- einmalig in seiner Art und Qualität. Heiligendamm dient als Feldversuch
für Resorthotelerie in Deutschland.
Alle zukünftigen Resorthotels an der
Ost- und Nordsee werden sich in Zukunft Heiligendamm als Maß nehmen müssen,
wie es die Seebäder nach 1793 auch schon tun mussten. Vorausgesetzt, FUNDUS
schafft es, seine Pläne wie gedacht umzusetzen.
Damit fallen alle anderen
Vergleiche auch nicht mehr schwer.
Man kann auch Rerik, Warnemünde, Graal
Müritz, Nienhagen, Wittenbeck und Börgerende nicht mit einem Hotel
vergleichen.
Keiner dieser Orte ist das, was ein Hotel-Resort darstellt.
Trotzdem möchte ich auf die Besonderheiten dieser Orte eingehen, denn gerade
sie machen den Unterschied.
Rerik zum Beispiel
ist eine ganz normale mecklenburgische Kleinstadt, die durch ihre Lage am
Salzhaff und der Ostsee vom Tourismus profitiert. Auch hier möchte FUNDUS
ein Resort entwickeln aber dieses soll sich neben der Stadt befinden.
Rerik
hat im Gegensatz zu Heiligendamm ein Stadtzentrum mit Wohnungen, Geschäften
und öffentlichen Einrichtungen.
Es ist viel Gastronomie vorhanden und es
gibt kulturelle und freizeitliche Einrichtungen. Rerik lebt von den
Einnahmen durch Steuern und Kurabgaben und ist nicht auf das geplante
Hotel-Resort auf Wustrow angewiesen. Der Zorn der Bürger und Stadtvertreter
richtet sich nicht gegen die Pläne der ECW, sondern eigentlich nur darauf,
dass sie nicht umgesetzt werden und dass Wustrow gesperrt wurde und
verfällt.
Warnemünde ist auf
dem ersten Blick als der Stadt Rostock vorgelagerter Ortsteil Heiligendamm
sehr ähnlich aber auch hier funktioniert der Vergleich nicht.
Warnemünde ist
wie Rerik ein Fischerdorf, das zum Badeort avanciert ist.
Es gibt wie in
Rerik ein reichhaltiges Angebot und darüber hinaus noch Spitzenhotellerie.
Aber es gibt kein Resort, denn auch die Yachthafenresidenz versteht sich als
Residenz und nicht als Resort.
Das Neptun-Hotel ist eine
in sich geschlossene Anlage, die aber wie das Grand Hotel dennoch öffentlich
zugänglich und nutzbar ist. Nur vereint das Neptun auf wenigen hundert
Quadratmetern Grundfläche das, was in Heiligendamm einige Quadratkilometer
einnehmen wird. Würde man das Hotel Neptun Etage um Etage abtragen und das
Ganze nebeneinander legen, würde auch fast die Hälfte Warnemündes darin
verschwinden.
Graal-Müritz ist
Kühlungsborn sehr ähnlich. Es handelt sich um zwei Einzelorte - Graal und
Müritz - die zunächst unabhängig voneinander mit dem Tourismus wuchsen und
sich dann ihrer Symbiose bewusst wurden und sich auch administrativ
vereinigten. Beide Orte haben städtischen Charakter mit allem, was eine
Stadt zu bieten hat.
Das alles ist in vielen
Jahrzehnten entstanden. Heiligendamm sollte und soll nie eine Stadt werden.
Alles was hier entstanden ist und entstehen wird, dient dem Ensemble selbst.
Es dient nicht einmal Bad Doberan.
Heiligendamm ist nur aus purem Eigennutz
entstanden - aus dem Wunsch heraus, gesund und fit zu sein.
Aus dem Eigennutz des
Großherzogs wurde dann ein örtlicher Eigennutz.
Graal Müritz verfügt mit dem
IFA Grand Hotel auch über ein Hotelresort aber dieses ist öffentlich
zugänglich und darf sogar gegen Entgelt von Nicht-Hotelgästen beparkt
werden. Das Grand Hotel ist durch die DDR-Politgrößen entstanden und diente
wie das Heiligendammer Ensemble der Erholung einer ganz bestimmten Klientel.
Nur entstand dieses Hotel in Einzellage am Waldrand am Wasser, während die
Stadt sich ringsherum eigenständig und vor allem unbeeinflusst durch das
Hotel entwickelte.
Auch das darf nicht vergessen
werden: In Heiligendamm hatten immer die das Sagen, denen das Ensemble
gerade gehörte.
Und diese konnten - wenn auch mit
der Zeit immer weniger - ganz genau bestimmen, was wo gebaut werden durfte
und wie es ungefähr auszusehen hatte.
Die nächsten drei
beliebten Vergleichskandidaten sind Dörfer.
Nienhagen
lebt
zwar vom Tourismus und erzielt auch gute Einnahmen aber es ist ein Ort des
Wohnens und kein mit Hotels und Pensionen voll gestopfter Ort. Das kann sich in so einer
aufstrebenden Gemeinde durch das große Potenzial ändern aber das macht das
Dorf dann eher Graal-Müritz ähnlich, als Heiligendamm.
Wittenbeck
ist ein bekannter Camping-Ort und
genau davon lebt er auch.
Im Winter schließen sogar einige
Gasthäuser mangels Besuchern.
Der Ort ist bekannt für
den Golfplatz und kann sich danach ausrichten.
Die Gemeinde lebt von den
Einnahmen aus Steuern und da sie nicht groß ist, sind nötige Anschaffungen
und Arbeiten durch den Haushalt plus Fördermittel ganz gut zu
bewerkstelligen.
Dasselbe gilt für
Börgerende.
Das Dorf lebt schon lange nicht mehr vom Hotel "Waterkant"
und den Investor, der das Hotel sanieren wollte, hat die Gemeinde
Börgerende-Rethwisch den Laufpass gegeben, als klar wurde, dass dieser auf
Zeit spielt und gar nicht sanieren kann.
Börgerende lebt von Campern und
Tagesgästen und zunehmend auch von Urlaubern.
Die Nachfrage bestimmt das
Angebot und so entstehen immer mehr Ferienwohnungen und Apartmenthäuser.
Aber auch die Nachfrage nach dauerhaftem Wohnen ist in Börgerende
ungebrochen.
Man traut Börgerende sogar eine Seebrücke zu, was aber
angesichts der Kosten in zweistelliger Millionenhöhe dann schon private
Investoren aufbringen müssten.
Und hier kommen wir zu
einem wichtigen Punkt:
In allen genannten Orten gibt es Menschen und
Unternehmen, die Bedürfnisse erkennen, Ideen entwickeln, Pläne entwerfen und
Projekte entwickeln. Es entstehen Hotels, Apartmenthäuser,
Freizeiteinrichtungen, Sportparks, Yachthäfen, Parkhäuser etc..
Was man aber
nicht übersehen darf ist, dass dies nur durch die Masse an Investoren
möglich ist.
Der eine baut dies und der andere das und die Kommunen (also
die Stadt- oder Gemeindeverwaltungen, Ämter und Behörden) stimmen darüber
ab. Die Kommunen selbst müssen nur die Auflagen erfüllen, die sie von den
Ämtern und Gesetzgebern bekommen. Handelt es sich um Seebäder, müssen
bestimmte Kriterien erfüllt und immer wieder überprüft werden.
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Die Anerkennung als Seebad ist Teil der Kur- und
Erholungsort-Gesetzgebung, die dem Länderrecht unterliegt.
In Mecklenburg-Vorpommern gilt das Gesetz über die Anerkennung als
Kur- und Erholungsort (Kurortgesetz).
Die Anerkennung erlischt nach 30 Jahren. Sie kann auf Antrag
verlängert werden.
Gesetzliche Voraussetzungen
für ein Seebad in Mecklenburg-Vorpommern:
-
Lage an der Meeresküste; die Ortsmitte darf
grundsätzlich nicht mehr als zwei Kilometer von der Küstenlinie
entfernt sein
-
klimatische Eigenschaften und eine Luftqualität,
die überwacht werden und die die Gesundungs- und
Erholungsmöglichkeiten unterstützen
-
mindestens eine Arztpraxis
-
einwandfreie Badewasserqualität an einem
gepflegten und bewachten Badestrand, die überwacht wird
-
Strandpromenaden, vom Straßenverkehr hinreichend
ungestörte Parkanlagen sowie Strand- oder Landschaftswege,
Möglichkeiten für Spiel und Sport
Die Voraussetzung für ein Seeheilbad sind wie
folgt festgelegt:
-
Lage an der Meeresküste; die Ortsmitte darf
grundsätzlich nicht mehr als zwei Kilometer von der Küstenlinie
entfernt sein
-
wissenschaftlich anerkanntes und durch Erfahrung
kurmäßig bewährtes, therapeutisch anwendbares Klima und eine
entsprechende Luftqualität, die überwacht werden
-
mindestens eine Praxis eines Badearztes
-
Einrichtungen zur Abgabe und Anwendung der
Kurmittel
-
einwandfreie Badewasserqualität an einem
gepflegten und bewachten Badestrand, die überwacht wird
-
Strandpromenaden, vom Straßenverkehr hinreichend
ungestörte Parkanlagen sowie Strand- oder Landschaftswege
Möglichkeiten für Spiel und Sport
-
während der Kurzeit Diätberatung; in
Krankenhäusern und Diätküchenbetrieben Beschäftigung mindestens
eines Diätassistenten
-
Kommunikations- und Informationseinrichtung
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Man
sieht also, dass die Gemeinden investieren müssen, denn während das Lage
immer da ist, hat nicht jeder Ort Parkanlagen und Einrichtungen für Spiel
und Sport..
Nur Kühlungsborn, Rerik, Graal-Müritz, Warnemünde, Nienhagen und
Heiligendamm sind Ostseebäder - also Seeheilbäder.
Alles andere sind nicht
einmal Kurorte - auch wenn sich im Internet oft die falsche Bezeichnung
"Seebad Börgerende" findet.
Das alles bedeutet aber auch, dass die betreffenden Städte zusätzliche
Ausgaben haben, denn die Promenaden und Parks müssen erhalten und die
sanitären Einrichtungen gepflegt werden. Die Anerkennung läuft zwar erst
nach 30 Jahren aus und kann dann verlängert werden aber sie kann auch
vorher entzogen werden, wenn die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sind.
Wenn man also vergleicht, dann darf man nur die Seeheilbäder untereinander
vergleichen.
Wenn Börgerende oder Wittenbeck öffentliche Toiletten aufstellen oder
einen Park bauen, dann können sie das tun.
Alle anderen Orte
müssen es tun.
Nun ist man schnell
der Versuchung erlegen, bei den Vergleichen auch Bad Doberan mit
einzubeziehen.
Bad Doberan aber liegt
nicht einmal am Wasser.
Bad Doberan ist Bad, weil es 1921
diese Regelung gab.
Aber Bad Doberan ist kein
Ostseeheilbad, sondern einfach ein staatlich anerkanntes Heilbad.
So
etwas gibt es auch nicht so oft in Deutschland - in Mecklenburg-Vorpommern
ist nur Bad Sülze noch ein Nur-Heilbad.
Die beiden Orte sind also
vergleichbar.
Und während man den Vergleich anstellt, findet
man viele Gemeinsamkeiten: Median-Klinik, Kurpark, enge Innenstadt und
endlose Wiesen und Wälder. Was in Bad Doberan Molli Münster und Moorbad
machen, muss in Bad Sülze das Salzmuseum schaffen. Natürlich gelingt das
nicht so gut, wie in Bad Doberan.
Der Unterschied Bad Doberans zu Bad Sülze ist
nämlich, dass Bad Doberan vom mecklenburgischen Hochadel geplant angelegt
und ausgebaut wurde und mit vielen Extras ausgestattet wurde. Auch ist Bad
Doberan größer, als Bad Sülze, zwischen Rostock und Wismar zentraler und
bedeutender gelegen, als Bad Sülze mit den nicht so großen Nachbarstädten
Ribnitz-Damgarten und Tribsees und nicht zuletzt ist Bad Doberan Amtssitz
der umliegenden Gemeinden und Kreisstadt. Jeder Ort hat seinen eigenen
Reiz aber vergleicht man Bad Doberan und Bad Sülze nach rein statistischen
Gesichtspunkten, geht Bad Doberan als Sieger des Vergleichs hervor.
Auch wenn die Geschichte Heiligendamms nicht von der Bad Doberan zu
trennen ist, so ist Heiligendamm doch grundlegend anders als Bad Doberan.Das
war immer so und wird auch immer so bleiben. Heiligendamm war bereits
lange Zeit so autark, dass es eine eigene Kommune darstellte.
Heute ist es ein Ortsteil Bad Doberans, auch wenn das Ortseingangsschild
andere Rückschlüsse zulassen würde.
Ab
einer bestimmten Entfernung stellt man statt der grünen Schilder wieder
richtige Ortseingangsschilder auf.
Das
können Sie auch in Warnemünde beobachten und auf dem Autobahnzubringer in
Ivendorf, welches zwar ein eigenes Ortsschild hat aber zu Hohenfelde
gehört.
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